Glücklicherweise entstand eine immer größer werdende Opposition, die hauptsächlich aus jungen Spaniern besteht. Seit Jahren sensibilisiert diese Opposition die öffentliche Meinung im Ausland und organisiert Briefkampagnen, die sich an die zuständigen Behörden wenden, aber leider mit wenig Erfolg.
Seit 2005 wurde eine andere Strategie angewandt, die zweifellos den Bürgern von Tordesillas bewusst machte, dass die zivilisierte Welt das Schreckensereignis verurteilt, nämlich eine Demonstration in den Strassen dieser Stadt. Nach einem Aufruf von PACMA, der spanischen Tierschutz- und Anticorrida-Partei, und zahlreichen spanischen und französischen Organisationen (darunter auch die FLAC) wurde am 10. September 2006 - zwei Tage vor dem grausamen Spektakel - auf dem Platz der Stadt zum zweiten Mal eine Demo veranstaltet.
Das eigentliche Ziel war, die grausame Show am Tag des Spektakels durch die massenhafte Anwesenheit der Demonstranten zu ersticken und damit zu verhindern. Dieses hoch gesteckte Ziel war jedoch sehr schwer zu erreichen, da die Genehmigung der Demo nur wenige Tage vorher und nicht für den Tag, an dem das grausame Ereignis stattfand, erteilt wurde. Außerdem sind dafür mehrere tausend Demonstranten erforderlich, denn Zusammenstösse mit den Einheimischen sind dabei unvermeidbar.
Etwa 500 bis 800 Personen nahmen nach unserer Schätzung an der Demo teil. Darunter waren nur drei Franzosen: Betty Loiseaux, Isabel Marcoux und Dominique Joron. Die französische Beteiligung war also sehr mager. Die Spanier brauchen uns dringend, um mit ihrer barbarischen Tradition Schluss zu machen, ebenso wie wir sie brauchen, um den Stierkampf abzuschaffen. Nur mit gegenseitiger Unterstützung können wir diese Tierquälerei abschaffen.
Wie die Demonstration in Tordesillas am 10. September 2006 verlief, vermittelt der folgende Augenzeugenbericht.
Am Vorabend verließen wir mit einem Bus Barcelona und durchquerten in der Nacht den Norden Spaniens, um am frühen Morgen in Valladolid andere Demonstanten aus ganz Spanien, die ebenfalls mit dem Bus anreisten, zu treffen. Im Geleitzug von mehr als 10 Bussen fuhren wir dann nach Tordesillas. Als wir zu der Stadt hinunterfuhren, war uns allen nicht sehr wohl zumute.
Eine dicht gedrängte Menschenmasse, mehrere hundert Einwohner der Stadt, erwarteten uns mit Schlägern in der Hand und brüllten wie wild. Die Autobusse wurden aufgehalten und waren gezwungen, langsam durch eine Hass erfüllten Menge zu fahren, wobei die Busse mit Eiern und Tomaten beworfen wurden. Auch am Parkplatz wurden wir nochmals von einem feindlich gesinnten Pöbel empfangen.
Nach anfänglichem Zögern bildete sich der von PACMA angeführte Demonstrationszug. Unter Polizeischutz bewegte sich der Zug zu einem Platz, wo die Demo stattfand. Die Polizei war wie bei schweren Ausschreitungen ausgerüstet. Ohne sie wären wir sicherlich gelyncht worden, denn der Hass uns gegenüber war ungeheuerlich. Es schien, als ob die ganze Stadt sich gegen uns verschworen hatte.
Die Demo bewegte sich nicht vom Fleck. Auf der einen Seite standen die drohenden Stadtbewohner, auf der anderen Seite wir als Demonstranten, beide getrennt durch einen Puffer, der durch die Polizei gebildet wurde. Auf der einen Seite gab es Beleidigungen, Drohgebärden und Wurfgeschosse und auf unserer Seite mit Überzeugung skandierte Sprechchöre, Schilder und Banderolen gegen die Tierquälerei und Reden, in denen die Hetzjagd von Tordesillas angeprangert wurde....Und dann eine große Überraschung: Als emotionaler Höhepunkt flog über uns mehrmals in niedriger Höhe ein Flugzeug mit einer Banderole im Schlepptau, die weit sichtbar aufforderte, das ungeheuerliche Massaker an dem "Toro de la Vega" zu stoppen.
Ermüdet durch die Anspannung und erleichtert, dass keine gefährlichen Zwischenfälle stattfanden, stiegen wir wieder in unsere Busse. Mit Schaudern stellten wir uns vor, welches Schicksal den Stier zwei Tage später, am Dienstag, den 12.September 2006 in dieser Stadt erwartet. Wir schworen uns, dass der Kampf weiter gehen wird. Im nächsten Jahr müssen wir mehrere tausend Demonstranten aus allen europäischen Ländern mobilisieren, denn es ist unerlässlich, dass diese furchtbare Tradition ein für alle Mal ein Ende findet.
DJ